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Kleb den Sticker!

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Ein langweiliger Wochenplan

Heute ist es Montag und ich habe darüber nachgedacht, was meine Ziele für die Woche sind. Also habe ich mein (aktuell wirklich geliebtes) Notizbuch genommen, mir eine Übersicht über Termine und wichtige Ziele gemacht und dann hat mich das ganze schon genervt. Es sind viele Termine an wenigen Tagen, Sachen, die ich ungern mache (wer geht schon gern zum Arzt…) oder wo ich unsicher bin. Und die Ziele für diese Woche sind zwar okay, aber auch außerhalb meiner Komfortzone. Also keine gute Grundlage, um diese Übersicht gern anzuschauen…

Ich hab also das gemacht, was ich in so Situationen immer mache: Ich hab es aufgehübscht. Mit meinen Pastell-Textmarkern habe ich bunte Striche als Trenner zwischen Wochentagen und Überschriften eingefügt. Und es sieht direkt viel mehr nach Spaß aus, nach Freude und nach etwas, was ich auf dem Schreibtisch liegen haben möchte. Und dann habe ich etwas getan, was mich selbst überrascht hat: Ich habe (einfach so) ohne sehr lang darüber nachzudenken, einen Sticker eingeklebt. Und weil die Welt in dem Moment nicht aufgehört hat, sich zu drehen, sogar noch einen zweiten.

Sticker verstauben in meiner Schublade

Was daran so besonders ist? Naja, ich hab so einige Sticker. Ich liebe Sticker. Aber ich klebe sie nie auf. Ich warte auf den richtigen Moment, die richtige Stelle. Ich erfreue mich nicht alltäglich daran, sondern nur, wenn ich sie mal wieder in der Schublade sehe.

Aus Angst, zu bereuen, den Sticker auf die falsche Stelle geklebt zu haben, oder ihn generell geklebt zu haben (weil es dann nicht mehr änderbar ist) – klebe ich sie nicht auf. Das klingt vielleicht paradox, denn Sticker sind dafür da, aufgeklebt zu werden. Aber was, wenn ich den Sticker nicht mehr gut finde, aber er klebt irgendwo, wo ich ihn immer sehe? Oder ich liebe den Sticker, aber klebe ihn auf eine Random Seite in meinem Notizbuch neben eine Wochenübersicht? Dann seh ich ihn eine Woche und dann nie wieder…

Das sind Gedanken, die ich öfter habe. Vergänglichkeit und zu bereuen, einen Fehler gemacht haben zu können, halten mich davon ab, Dinge zu tun. Und das nervt mich. Mich nervt es, dass ich solche süßen Sticker in der Schublade habe, aber nicht aufklebe. Mich nervt, dass ich besonderes Papier habe, das ich nicht verschwenden will. Mich nervt, dass Süßigkeiten auf meinem Schreibtisch stehen, damit ich sie esse, aber wenn ich sie esse, sind sie ja weg… Was, wenn ich danach erst so richtig Lust darauf bekomme? Also esse ich sie nicht.

Ich klebe also keine Sticker auf und esse auch Süßigkeiten nicht, die dafür da sind, dass ich sie esse. Paradox. Aber das, was dahinter steht, begleitet mich schon lange. Ich mache Dinge häufig lieber nicht, als sie danach zu bereuen.

Vermeintliche Sicherheit

Ist das sinnvoll? Ich bin nicht sicher. Einerseits, für mich ist es aktuell eine Form von Sicherheit. Solang ich die Süßigkeiten nicht esse, habe ich sie in der Zukunft (zumindest bis sie sehr ekelig sind), falls ich sie dann brauchen sollte. Genauso mit den Stickern, denn morgen könnte DIE GELEGENHEIT kommen, um meine süßen Sticker endlich an DIE Stelle zu kleben, wo sie richtig sind und perfekt ausgerichtet mich jeden Tag erfreuen.

Dabei weiß ich auch, dass das Leben, nur grade in diesem Moment passiert. Gestern ist ein Konstrukt in meinem Kopf. Ich erinnere mich an gestern, aber es ist nicht grade jetzt. Morgen ist auch ein Konstrukt, ich weiß, ich muss morgen zum Arzt, das ist aber auch nicht jetzt. Im Grunde habe ich nur das jetzt. Das Leben ist eine sehr große Ansammlung von „Jetzt“. Und oft, wenn ich mich für „jetzt nicht“ entscheide, nehm ich mir ein bisschen meiner Freude und meiner Begeisterung.

Lila Blumen

Ich laufe fast jeden Tag an einem Blumenbeet vorbei, mit wunderschönen Lila Blumen. Am Anfang, als sie mir aufgefallen sind, war ich überrascht wie Lila diese Blumen sind. Wie schön und intensiv. Ich wollte ein Foto machen und fand es dann etwas albern. Es sind nur Lila Blumen, Vanessa. Ich kann dann irgendwann noch ein Foto machen. Und doch laufe ich immer wieder an ihnen vorbei, denke darüber nach, dass sie immer noch schön sind, aber verblassen. Sie sind nicht mehr so intensiv wie an dem Tag, an dem sie mir aufgefallen sind. Und sie werden wahrscheinlich langsam den niedrigen Temperaturen und irgendwann dem Frost nicht mehr Stand halten können. Und ich hab kein Foto gemacht. Weil ich es „irgendwann“ immer noch machen kann.

„Irgendwann“ im Frühling werden sie vielleicht wieder blühen. Oder im Herbst, ich hab keine Ahnung.

Fazit

Für heute nutze ich die Energie, die ich durch zwei kleine Sticker habe, um Dinge zu tun, statt auf die Zukunft zu verschieben. Um zu Leben. Um alle Gefühle zu erleben. Um zu genießen. Um mich zu freuen, selbst wenn es anderen „zu viel“ ist.

Um ich zu sein, mit allem, was da sein will, mit allem, was da ist.

Und wer weiß, vielleicht wird das Tag 1, von vielen, an denen ich mir mein Strahlen zurückhole.

Kleb den Sticker. Mach das Foto. Iss die Schokolade. Und freu dich, als wärst du der erste Mensch der Welt, der sich freuen könnte und alle mit seiner Freude anstecken möchte. ✨ 🫶

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