In Podcastfolge 27 ist Sophie Weigand zu Gast. Wir sprechen über das Buch „Nicht falsch, nur Neurodivergent – Aus dem Leben einer erwachsenen Autistin mit ADHS“ von Charlotte Suhr. Natürlich ohne Spoiler!
Mich hat das Buch extrem berührt, unter anderem, weil Charlotte Suhr sehr ehrlich und offen über verschiedenste Bereiche ihres Lebens berichtet. Sie hat für viele Dinge Worte gefunden, die mir noch gefehlt haben und konnte ausdrücken, was ich nicht greifbar fand. Außerdem hat es mich sehr berührt, dass sie das Buch geschrieben hat, weil sie so ein Buch in ihrer Jugend oder Kindheit gebraucht hätte. Genau das ist auch mein Antrieb für meine Arbeit, ich möchte zur Person werden, die ich früher gebraucht hätte. Mein Exemplar des Buchs ist voller Markierungen, ich hatte beim lesen so viele Aha-Erlebnisse und mehrfach Tränen in den Augen. Je mehr ich gelesen habe, desto mehr Wut habe ich verspürt, weil ich gemerkt habe, wie viele Erfahrungen ich gemacht habe, die eine andere spätdiagnostizierte Autistin mit ADHS fast genauso erlebt hat. Obwohl Charlotte Suhr etwas älter ist als ich und wir auch viele Unterschiede haben, habe ich mich auf jeder Seite in irgendeiner Art wiedergefunden.
Die Werbung, die wir für das Buch machen, ist weder beauftragt noch bezahlt.
Wir sprechen in der Folge über das Buch, was es mit uns gemacht hat, aber auch sehr viel über unsere eigenen Erfahrungen als spätdiagnostizierte Autistinnen mit ADHS. Zum Beispiel sprechen wir darüber, wie wir Zeit empfinden oder wie sich warten für uns anfühlt. Auch sprechen wir über die Wahrnehmung der eigenen Gefühle, Gaslighting in der Kindheit und Jugend, Offenheit für andere Menschen und deren Bedürfnisse und Neid bzw. Missgunst.
„Nicht falsch, nur Neurodivergent – Aus dem Leben einer erwachsenen Autistin mit ADHS“
Buch bei book-on-demand direkt bestellen
Website von Charlotte Suhr:
https://www.charlotte-suhr.de/
Instagram @charlottesuhr.autorin
https://www.instagram.com/charlottesuhr.autorin
TikTok @charlottesuhr.autorin
https://www.tiktok.com/@charlottesuhr.autorin
Instagram (@literatourist)
https://www.instagram.com/literatourist/
Korrektorat & Lektorat
https://www.diekorrekturen.de/
Literaturblog (aktuell inaktiv)
https://literaturematters.de/
Dieser Beitrag gehört zur Podcast-Folge #27, wenn dich das Buch interessiert, hör dir gern die ganze Folge an.
01:05 Buchinfos, Outro
03:47 Zeitgefühl, Wartemodus
20:49 Gaslighting und Wahrnehmung von Gefühlen
34:02 Offenheit für unterschiedliche Perspektiven
46:15 Wut
54:33 Neid und Ungerechtigkeit
Vanessa Kunz (00:02)
Willkommen bei einer neuen Folge vom Neurodino Podcast. Ich freue mich sehr, weil diese Folge wieder eine Gastfolge ist mit der lieben Sophie. Sie ist Autistin mit ADHS, Buchhändlerin, Korrektoren und Lektorin. Das heißt, man kann mit ihr stundenlang über Bücher sprechen und genau das habe ich getan.
Links zu ihrem Instagram, ihrer Webseite und allem weiteren findest du in der Beschreibung.
Die Infos zum Buch, über das wir sprechen, gibt es am Ende der Folge noch mal kompakt zusammengefasst, falls du es kaufen willst.
Zum Beispiel sprechen wir über Zeitblindheit, über unsere Wahrnehmung von Pünktlichkeit, ob wir pünktlich sind oder nicht. Wir sprechen insgesamt über Emotionen und über unsere Wahrnehmung und auch über die Interpretation von Gefühlen.
und über gesellschaftliche Erwartungen und Offenheit gegenüber anderen Menschen und gegenüber einem selbst.
Insgesamt also eine bunte Mischung aus Themen des Buches, unseren Erfahrungen und vielen weiteren Dingen.
Ganz wichtig, wir sind nicht gesponsort oder bezahlt von Autoren, Verlägen oder sonst was. Das ist alles unbezahlt, unbeauftragt, unabgesprochen. Wir haben beide das Buch gelesen. Ich war sehr, sehr begeistert davon und habe deshalb Sophie eingeladen, mit mir darüber zu sprechen.
Also geht’s jetzt direkt los mit der Folge.
01:27 Einführung
Vanessa Kunz (01:27)
Das Buch, über das wir jetzt sprechen, hat weder Dinos noch Partyhüte Also Ich möchte jetzt nicht enttäuschend sagen, weil ich finde, es ist sehr gut, aber es ist schon etwas anders als die anderen Bücher, über die wir gesprochen haben. Denn es geht das Buch nicht falsch, nur neurodivergent. Aus dem Leben einer erwachsenen Autistin mit ADHS. Und das ganze Buch hat Charlotte Suhr geschrieben.
Ich finde es sehr sehr schön. Es ist eine Biografie und erzählt so bisschen ihre Geschichte von Kindesalter ins Erwachsenenalter. Und auch, dass sie eben spät Diagnosen bekommen hat, mit 29 und 30 glaube ich. Also auch einzeln noch die Diagnosen. auch wenn es weder Dinos noch Partytüte hat, finde ich, es ein sehr sehr schönes Buch. Sehr gelungen. es hat
Sophie (02:19)
Und man muss hervorheben,
dass es bisher eines der wenigen Bücher ist, die sich mit der Doppeldiagnose von ADHS und Autismus beschäftigen. Also vor allem vor diesem autobiografischen Hintergrund. Es gibt den einen oder anderen Ratgeber, aber so wirklich autobiografisch erzählt, es bisher im deutschsprachigen Raum. Korrigiert mich bitte, wenn ich falsch liege, aber bisher im deutschsprachigen Raum so gut wie nichts anderes.
Vanessa Kunz (02:48)
Da sollten wir in die Marktlücke auf jeden Fall mal reingehen. Ist aber jetzt eine andere Geschichte. Ich finde es sehr schön gemacht, weil wir eine Biografie haben, haben eine Geschichte, erzählt wird und gleichzeitig aber auch Erklärungen und Quellen. Ich liebe Quellen. Es ist also nicht einfach nur, ja, jetzt doof gesagt wie bei TikTok, wo einfach erzählt wird, wie es
Sophie (02:51)
Ja.
Vanessa Kunz (03:13)
einem geht und erzählt wird, naja, das liegt da und da dran, sondern man hat auch einen Anhaltspunkt, wo man nachgucken kann. Und ich kann es nur betonen, wie sehr mich sowas freut, ein Glossar. Also man kann Begriffe nachgucken und sich noch mal überlegen, ist das die Definition, die ich kenne oder weiche ich davon ab? Ja, das Buch hat sehr viel mit mir gemacht, sehr viele Emotionen ausgelöst und ich bin so froh, dass wir endlich darüber reden. ⁓
Sophie (03:25)
Ja!
Vanessa Kunz (03:41)
Wie ging’s dir damit?
Sophie (03:41)
Ja, gerade wenn es so ein Buch, wenn man sich da
so drin wiederfindet, irgendwie, dann hat man auch echt so Gesprächsbedarf.
Vanessa Kunz (03:47)
Ja, voll. Wie ging es dir insgesamt mit dem Buch?
3:52 Wartemodus, Zeitblindheit
Sophie (03:49)
Ja.
Also ich hatte ja auch den ein oder anderen, ich glaube nicht so krass wie du, aber auch, also noch hast du ja nichts darüber gesagt, aber wenn du das schon so extra betont, dass es viel mit dir gemacht hat. So extrem bei mir glaube ich nicht, aber trotzdem immer wieder so Momente, wo ich dachte, ja das kann ich sehr gut nachvollziehen oder das mache ich auch so.
sowohl was ADHS als auch Autismus betrifft. Ich habe jetzt in den Vorbereitungen auf die Folge geguckt, ob ich das noch mal wiederfinde, weil ich habe natürlich keine Klebchen reingemacht, warum sollte ich mich ja irgendwie vorbereiten. Und es gab zum Beispiel, ist jetzt völlig random, aber eine Stelle, wo sie über ADHS spricht und auch über diese Art von Wartemodus, den man hat, wenn man an einem Tag noch irgendwann einen Termin hat.
Vanessa Kunz (04:45)
Ich hab’s geklebt.
Sophie (04:48)
Und sie schreibt zum Beispiel, zum Frühstück treffen, wenn ich danach arbeiten muss. Ich bin doch nicht wahnsinnig. Und als ich das gelesen habe, habe ich gedacht, kann ich sehr gut verstehen. Würde ich auch nicht machen. Ich würde auch nicht einkaufen gehen. Und mit Arbeiten meine ich jetzt in meinem Fall. Ich arbeite sowohl freiberuflich als auch angestellt. Mit Arbeiten meine ich jetzt meine angestellte Arbeit, wo ich das Haus verlassen muss.
Ich würde an diesem Tag vorher nicht einkaufen gehen. Ich würde mich wahrscheinlich nicht mit irgendjemandem treffen. Einfach auch… Also sie erzählt das, glaube ich, im Kontext von Zeitblindheit und so. Das ist zum Beispiel was, was ich nicht so extrem habe, offensichtlich wie manche anderen Menschen mit ADHS Bei mir ist es aber einfach so, mein Hirn ist darauf nicht… Dafür ist der Tag nicht da. So, das ist jetzt in meinem…
Vanessa Kunz (05:42)
Ja.
Sophie (05:44)
Hirn läuft die Strecke. Ich habe heute einen Arbeitstag. Ich bin schon gut, dass ich mittlerweile vor meiner angestellten Arbeit zum Beispiel korrigieren kann. Das fiel mir früher auch voll schwer, weil ich auch so Mittelschichten habe. Also ich arbeite dann ganz oft von 12 bis 16 Uhr oder so. Also in der Mitte des Tages, wo man davor nicht so viel machen kann und danach nicht so viel machen kann. Mittlerweile kann ich immerhin korrigieren, weil sonst hätte ich auch ein Problem zeitlich das hinzukriegen.
Aber ich würde vor dem Start meiner Arbeit im Laden nicht irgendwas anderes machen, weil das geht einfach, das sprengt die Ordnung, sprengt die Struktur in meinem Kopf, die ich habe für diesen Tag. Und da ist nicht drinne, ich gehe jetzt an den Supermarkt vorher. Das wird sich komisch anfühlen für mich.
Vanessa Kunz (06:27)
Ja.
Versteh
ich voll. Also ich bin zeitblind, definitiv. Ich versuch das meinem Umfeld so langsam zu erklären, weil ich die ganze Zeit dachte, das wäre der Normalzustand. Wenn mich jetzt jemand fragt, wie lange irgendetwas dauert, also wie lange dauert ein Podcast-Vorgespräch? Ich kann nur raten. Wenn ich irgendwie einen Anhaltspunkt habe, weil ich sowas schon mal gemacht habe und ich mich dran erinnere, dann hilft das natürlich. Aber wie lange brauche ich, um
jetzt fertig zu sein das Haus zu verlassen? Keine Ahnung. Alles zwischen fünf, vielleicht auch zwei Minuten und einer halben Stunde ist möglich? Ich weiß es nicht. Das kann ich nicht einschätzen.
Sophie (07:15)
Das finde ich faszinierend,
weil das wirklich eben für mich was ist, was ich so nicht kenne. Da geht gleich wieder der Imposter an. mein Gott, du keine ADHS haben, wenn du nicht so zeitblind bist. Ich komme auch nicht zu spät. Ich komme in der Regel halt eher zu früh. Ich plane immer, immer, immer Puffer ein, falls irgendwas passiert. Dementsprechend passiert mir das halt auch…
Vanessa Kunz (07:31)
Mhm.
Ja, ich auch.
Ja.
Sophie (07:44)
Seltener, dass ich zu spät komme. Und ich glaube auch dadurch, also vielleicht wäre es bei mir anders, wenn meine Tage immer unterschiedlich aussehen würden oder ich immer an unterschiedlichen Orten sein müsste, wo ich normalerweise nicht bin oder neue Strecken fahren müsste, die ich sonst nicht fahre etc. Aber bei mir ist es ja schon so, dass ich zur Arbeit immer die gleiche Strecke nehme. Ich arbeite da jetzt seit sechs Jahren.
Vanessa Kunz (08:01)
Ja.
Sophie (08:11)
Ich weiß, wie lange ich brauche, um auf Arbeit zu kommen. Das wird sich jetzt nicht mehr grundlegend ändern. Das muss ich auch nicht jedes Mal wieder neu evaluieren oder so. Ich weiß, wie lange ich brauche. Dementsprechend ist es jetzt für mich auch nicht so schwierig. Und ich fange halt immer, wenn ich zu Zeitpunkt X anfange zu arbeiten, immer in etwa zur selben Zeit an, mich für die Arbeit fertig zu machen. Und dadurch habe ich halt einfach diesen Erfahrungswert.
Vanessa Kunz (08:13)
Mhm. Mhm.
Sophie (08:40)
Das dauert halt so lang. bringt mich das nicht so völlig raus. ich glaube, grundsätzlich ist das mit dem Zeitgefühl bei mir nicht ganz so krass. Ich glaube, habe schon eine halbwegs realistische Einschätzung, wie lange Dinge brauchen.
Vanessa Kunz (08:42)
Ja.
Also ich finde das Beispiel super, weil seit ich meinen Mann kenne, was jetzt über 5 Jahre ist, 6 oder so, keine Ahnung, Zeitgefühl läuft.
Sophie (08:55)
Warum auch noch?
Ja, das ist bei mir einfach ein Gedächtnisproblem. Es ist kein Problem von Zeitgefühl, sondern mein Gedächtnis ist einfach Schrott.
Vanessa Kunz (09:11)
Ja, das auch.
der wohnt schon die ganze Zeit in diesem Ort, wo wir jetzt zusammen auch wohnen. es ist halt so, in diesem Ort ist nicht so viel. Das heißt, man fährt zum Einkaufen in den nächsten Ort, da ist der Arzt, was auch immer, Friseur, I don’t know, alles. Und ich weiß trotzdem nicht, wie lange es dauert bis zu dem Ort. Also das… Ich weiß es nicht, ich muss es googeln. Ich muss auf Maps gucken, wie lange ich brauche bis zum nächsten Supermarkt. Weil ich es nicht weiß.
Und wenn ich dann einen Termin habe in diesem Ort, dann rechne ich mal so, ich brauche vielleicht eine Viertelstunde bis dahin. In Wahrheit sind es vielleicht fünf Minuten, weiß es nicht, oder zehn Minuten. Und dann nehme ich immer noch eine Viertelstunde, falls ich mich verfahre. fast an der Hauptstraße. Ich muss auf die Hauptstraße fahren und dann die Straße in die richtige Richtung fahren.
Sophie (09:57)
Mhm.
Ja, aber wer weiß, dass da alles passieren kann auf dem Weg.
Vanessa Kunz (10:07)
Ja, da kann alles passieren, aber ich muss in die eine Richtung fahren und das nächste Ortstill ist quasi der Ort so. Und da muss ich dann wahrscheinlich noch mal zweimal abbiegen, irgendwo zu sein. Trotzdem denke ich ja, 15 Minuten pro Fahr sind vielleicht zu wenig.
Sophie (10:21)
also das ist auch eher was mir passiert, dass ich vielleicht einschätze, dass Dinge länger dauern, als sie tatsächlich dauern. Weswegen ich dann eben auch oft zu früh bin oder so. Aber es ist in meinem Inneren einfach so ein krasser Stress, wenn ich merke, ich komme zu spät oder es besteht überhaupt das Risiko, dass ich zu spät kommen könnte.
Vanessa Kunz (10:21)
Es läuft.
Ja.
Sophie (10:47)
Ich hatte gestern Nachmittag, also eher am frühen Abend noch einen Termin und bin dahin gelaufen und ich wusste schon, also ich bin wohl rechtzeitig losgegangen, war aber generell schon so voll angespannt und ich habe dann während des Fußwegs die ganze Zeit gedacht, guck nicht auf die Uhr, weil wenn es jetzt doch schon viel später ist als du denkst und du kommst zu spät.
Vanessa Kunz (11:01)
Mhm.
Ja.
Sophie (11:13)
dann hätte mich das so dermaßen gestresst während dieses Fußwegs, dass ich das komplett fertig gemacht hätte. Deswegen habe ich mich auch dazu gezwungen, nicht auf die Uhr, nicht aufs Handy gucken, einfach die Uhrzeit ausblenden und erst gucken, wie spät es ist, wenn ich so nah dran bin, dass es jetzt auch egal wäre. Also wenn ich jetzt nur noch, keine Ahnung, Minute bräuchte und wäre da und dann auf die Uhr gucke und ich wäre zu spät, dann wäre es ja nicht so dramatisch, weil dann…
Vanessa Kunz (11:20)
Ja.
Sophie (11:41)
Wüsste ich, jetzt bin ich ja gleich da. Nicht so schlimm. Aber vorher habe ich bewusst nicht auf die Uhr geguckt, weil das so ein Stress für mich ist. Und ich glaube, dass das so ein Stress ist und das mir so viel Stress auslöst, zu spät zu kommen. Weil das macht ja Leuten Umstände so und man macht einen schlechten Eindruck und pipapo. Dadurch, dass das so ein hoher Druck für mich ist, bin ich vielleicht deswegen darin auch ein bisschen…
Vanessa Kunz (11:58)
Ja.
Sophie (12:08)
Ja ein bisschen besser, keine Ahnung, weil meine Vorbereitung da einfach so und all die Sachen, die ich halt noch einbaue, damit ich nicht zu spät komme, erleichtern das dann vielleicht. ich glaube, ich habe auch grundsätzlich ein besseres Gefühl für Zeit als viele andere Menschen mit ADHS.
Vanessa Kunz (12:10)
Mhm.
Also ich würde tatsächlich behaupten, ich bin ein extrem unpünktlicher Mensch. Nicht weil ich zu spät bin. Ich habe genau dasselbe Empfinden, was zu spät angeht. ist, als würde ich kurz vorm Sterben stehen, wenn ich zu spät komme. Es so ein Stress, das ist furchtbar. Deshalb bin ich eigentlich regelmäßig eine Stunde zu früh irgendwo. Also so eine Stunde ist für mich, für mein Gehirn, ist eine Stunde eine Pufferzeit, wirklich gut ist. Also eine Stunde Stau, mein Auto…
funktioniert nicht mehr. Das ist alles, was in einer Stunde irgendwie gehandelt werden kann. Oder ich werde emotional und fange an zu heulen, nach einer Stunde sollte es auch wieder passen. Also eine Stunde zu früh sein ist für mich so der sweet spot, wo ich sage, dass damit bin ich zufrieden. Und dennoch, wenn ich irgendwo hinfahre, eine Stunde zu früh plane da zu sein, bin ich permanent gestresst, dass ich auch wirklich ankomme und eine Stunde zu früh dann da bin. Und wenn ich nur 55 Minuten zu früh bin, macht mir das auch schon Stress.
Sophie (13:11)
Mhm.
Vanessa Kunz (13:25)
Deshalb würde ich behaupten, ich bin unpünktlich, das ist auch nicht normal. ist nicht gut.
Sophie (13:30)
Ne, also genau, das
kann man ja auch noch mal dazu sagen, dass Unpünktlichkeit nicht nur bedeutet, dass man zu spät kommt, sondern dass man halt nicht zu dem Zeitpunkt oder kurz davor da ist, zu dem man sich verabredet hat oder zu dem man einen Termin hat oder so. Ich versuche die Puffer-Zone nicht so groß zu machen, weil mein Problem ist oft, ich, wenn ich irgendwo warten muss, mich das auch höllisch nervös macht. Also das liegt, glaube ich, nicht nur an ADHS, sondern an vielen anderen…
Vanessa Kunz (13:47)
Ja.
Mhm.
Sophie (14:00)
Aber wenn ich zum Beispiel einen Arzttermin habe und ich weiß, ich müsste da jetzt irgendwie noch eine halbe, dreiviertel Stunde im Wartezimmer sitzen oder so, weil ich so früh bin. Dann weiß ich, dass mich das auch massiv stressen würde und mein Problem ist halt, andere Leute sagen dann, dann setze ich mich noch mal ins Café und trinke da irgendwie einen Kaffee und lese ein Buch oder so was und entspanne mich da irgendwo oder ich kann das nicht. Ich kann dieses…
Vanessa Kunz (14:09)
Ja.
Hmm.
Ich auch nicht.
Sophie (14:28)
warten auf irgendwas, egal was es ist, da kann ich nicht entspannt irgendwas tun, sondern ich bin die ganze Zeit schon, ich mein, wenn ich das Haus verlasse, ja ⁓ schon in so einem Anspannungszustand und wenn ich dann noch auf irgendwas warte, dann wird der Anspannungszustand noch größer und dann habe ich Schwierigkeiten damit mich in dieser Wartezeit halbwegs irgendwie zu regulieren und zu beruhigen. Das heißt, das muss ich dann immer mitdenken, wenn ich so plane, dass ich zu viel Wartezeit irgendwo habe.
Vanessa Kunz (14:35)
Ja.
Ja, das stimmt.
Sophie (14:57)
kann das auch schiefgehen.
Vanessa Kunz (14:59)
Ja, ist bei mir tatsächlich, das geht eigentlich immer schief, wenn ich so eine Stunde zu früh irgendwo bin, aber es ist als zu spät in meinem Wertesystem. Aber zu dem Punkt vom Warten, das finde ich so krass, weil ich das auch so heftig spüre. Also warten ist für mich unfassbar schwierig. Also nicht, nee, ich mag das nicht zu warten, sondern es fühlt sich an, wie ich werde innerlich zerrissen, wenn ich warten muss.
Sophie (15:07)
Das stimmt. Das stimmt. Das stimmt.
Vanessa Kunz (15:26)
Und da gab es einen Punkt, den ich markiert habe. Also ich habe sehr viele in dem Buch markiert. Eigentlich auf jeder Seite irgendwas. Aber da habe ich auch ein Klebezettel dran gemacht, weil ich es gerne erwähnen wollte. Und zwar nichts kann warten. 30 Sekunden Leerlauf fühlen sich an wie 5 Stunden. Und da denke ich, 30 Sekunden Leerlauf sind auch schon lang. Wenn ich warte, weil mein Mann das Auto aus der Garage fährt und ich dann einsteigen kann,
Sophie (15:31)
Mhm.
Vanessa Kunz (15:54)
Da möchte ich weinen, weil es so furchtbar ist. Und ich glaube, sind keine 30 Sekunden. Und ich finde es trotzdem unfassbar schlimm. Und wenn man dann darüber nachdenkt, 30 Sekunden sind nichts.
Sophie (16:04)
Ja, bei mir ist es…
Ja, bei mir ist es glaube ich ganz oft ein Problem, da verschränkt sich das aber glaube ich mit meiner Angstproblematik, wenn ich halt in Situationen bin, also gerade bei Arztterminen oder absolut peakfurchtbar Schlange im Supermarkt an der Kasse. Das sind alles Situationen, wo mein Kopf mir sagt, ich kann jetzt nicht einfach gehen. Ich habe keine Kontrolle mehr über darüber.
Weil wenn ich jetzt beim Ärzt im Wartezimmer sitze und ich gehe, also man kann ja prinzipiell auch sagen, habe ich sogar schon mal gemacht, ich eine Panikattacke im Warteraum bekommen habe, man kann ja prinzipiell auch sagen, ich muss mal kurz rausgehen oder so. Ist schon möglich. Aber in meinem Kopf ist halt so, wenn ich jetzt diese Situation verlasse und der Arzt ruft mich dann auf und ich bin nicht da und dann komme ich wieder und dann muss ich, keine Ahnung, wieder von vorne anfangen zu warten oder so.
Vanessa Kunz (16:59)
Oder noch
länger.
Sophie (17:00)
oder noch länger und im Supermarkt kann ich nicht einfach gehen, wenn ich die Ware aufs Band gelegt habe. Theoretisch kann ich das natürlich. Ich kann alles stehen und liegen lassen und aufs Supermarkt gehen, ist mir schon klar. Aber a, habe ich das noch nie gesehen, dass jemand das macht. Vielleicht hat denn jemand sein Geld vergessen oder so. b, zieht man ja trotzdem extrem viel Aufmerksamkeit auf sich, wenn man sich an der Kasse anstellt, alle Waren aufs Band legt und dann plötzlich sagt, ob wissen Sie was, ich habe es mir anders überlegt, ich gehe.
Und alles, aufmerksamkeit auf mich zieht, weil ich mich nicht so verhalte, wie man von mir erwartet, dass ich mich verhalten sollte in dieser Situation, macht super viel Stress. Allein die Wahrnehmung, dass ich irgendwas tue, was die Ordnung durcheinanderbringt, macht super viel Stress.
Und wenn ich auf irgendwas warten muss, ich halt auch das Gefühl, ich hab keine Kontrolle. Es liegt jetzt nicht bei mir. Ich kann nicht machen, was ich will. Sondern ich muss darauf warten, dass jemand von außen mich jetzt reinruft oder dass ich drankomme. Oder, oder, Und das sind dann alles so… die es für mich eher so schwierig machen, zu warten und ja auch nicht zu wissen, wie lange es dauert. Wenn ich jetzt wüsste, ich warte halt 10 Minuten, das ist immer noch nicht geil, aber dann weiß ich, wann es zu Ende ist.
Vanessa Kunz (17:59)
Ja.
Mmh.
Sophie (18:23)
Aber oft weiß man ja auch gar nicht, wann das Warten zu Ende ist. Insbesondere wenn man beim Arzt wartet. Kann alles sein, je nachdem was passiert.
Vanessa Kunz (18:27)
Ja.
Ich finde auch, Warten ist irgendwie ein Erfolg, damit heute gleichzusetzen, weil das so schwierig da muss ich jetzt auch immer wieder, seit ich das Buch gelesen hab, einen Satz denken. Und zwar auf derselben Seite, beim selben Thema. Ich bin der ineffizienteste und effizienteste Mensch der Welt. Und das fühle ich so hart. Weil wenn ich …
Bleibe bei der Garage, wenn mein Mann aus der Garage rausfährt mit dem Auto, fällt es mir sehr schwer, mein Handy in die Hand zu nehmen und irgendwas anderes zu machen. Nicht E-Mails zu schicken oder was weiß ich, weil ich so effizient sein möchte. Es ist pure Folter, im Supermarkt an der Kasse zu stehen und seine Waren noch nicht drauflegen zu können. Oder du stehst da und du hast keinen Platz mehr, aber es fehlen noch Sachen aus deinem Wagen und du musst sie noch aufs Band legen.
Es ist wirklich so furchtbar, dass du dann nichts tun kannst und warten musst. Und das hat für mich nichts mit Entspannung zu tun. Oder mit, ja, mal durchatmen, Entschleunigung. Ja, ist doch schön, wenn es nicht so gehetzt ist. denke mir, nein. Die Zeit, die die Türen brauchen, aufzugehen, dauert zu lange. Es geht nicht.
Sophie (19:21)
Mhm.
Ne. Entschleunigung.
Ja, ja, ja.
Ich kriege Anfälle,
wenn ich durch die Fußgängerzone laufe, was man ja manchmal so hat. Da hat man Leute vor sich, die die absolute Ruhe, ich weiß nicht, wo die diese Ruhe herholen, aber diese absolute Ruhe sind und so ganz langsam so schlendern, aber dann irgendwie auch so schlendern, dass sie allen Weg einnehmen, der da ist, wie auch immer sie das hinkriegen. Und ich denke so, ich bin nicht so langsam, ich muss vorbei. Oder Leute, die auf der Rolltreppe…
Vanessa Kunz (19:54)
Ja.
Ja.
Sophie (20:11)
finde ich aber nett, wenn Leute auf der Rolltreppe Platz lassen, dass man hochgehen kann und an denen vorbei. Ist ja okay, dass die nicht die Rolltreppe hochrennen, aber ich möchte auch nicht stehen auf der Rolltreppe und warten, bis sie dann endlich mal oben ist. Das macht mich dann auch schnell aggressiv, da habe ich auch keine Geduld zu.
Vanessa Kunz (20:30)
Ja, und ich finde so Sachen wie warten ist so verschwendete Zeit. Also, ich möchte immer alles so effizient wie möglich und so schnell wie möglich machen und so gut wie möglich. Und ich möchte nicht warten. Ich mach sofort was anderes. Wenn irgendwo ein Ladebalken kommt, bin ich sofort weg und mach was Neues. Das geht nicht.
Sophie (20:45)
Ja.
Vanessa Kunz (20:53)
Das ist wirklich furchtbar.
20:55 Gaslighting und Wahrnehmung von Gefühlen
Sophie (20:55)
Eins, was ich sehr wichtig fand, worüber sie redet, wo ich mich auch sehr wiedergefunden habe, ist dieses Thema von Gaslighting, von Wahrnehmung und von Gefühlen. Auch in der Kindheit, redet sie ja viel drüber. Und ich glaube, das ist echt noch in der Diskussion fast ein bisschen unterschätztes Thema, wie große Auswirkungen…
Vanessa Kunz (21:10)
Ja.
Sophie (21:23)
haben kann, weit über die Kindheit hinweg, wenn man immer damit aufwächst, dass jemand einem die eigene Wahrnehmung entweder abspricht oder mindestens in Frage stellt, ob das tatsächlich so ist und ob man das denn jetzt wirklich so empfinden kann und ob das nicht irgendwie komplett überzogen ist und so. bei mir war das halt so. Zum Teil, ich will jetzt nicht allen unterstellen, die darin beteiligt waren, dass das
Vanessa Kunz (21:42)
Ja.
Sophie (21:51)
bösartig so passiert ist. Bei manchen war es glaube ich auch einfach Hilflosigkeit und die Unfähigkeit das einzuordnen, warum ich so bin oder was ich habe oder keine Ahnung. Aber man lernt einfach dann von klein auf sich selber zu misstrauen mit allem was man empfindet. So. Und das kann dich so…
Vanessa Kunz (21:58)
Mhm.
Ja.
Sophie (22:18)
behindern in deinem deinem ganzen Leben, wenn du nicht gelernt hast, deiner eigenen Wahrnehmung zu vertrauen. Und damit meine ich nicht, dass man nicht an sich selber auch zweifeln sollte. Das sollte man unbedingt. Es ist total gesund, das zu machen. Aber es gibt halt auch irgendwann so eine Grenze, wo man, wo das mal aufhören muss. und insbesondere, wenn es Gefühle geht. und ich weiß mittlerweile rational, weil mir das oft genug in Therapien gesagt worden ist.
Vanessa Kunz (22:38)
Mmh.
Sophie (22:47)
dass Gefühle können nicht falsch sein. Gefühle sind einfach da. Und das finde ich als Konzept so krass, weil in meinem Kopf läuft halt sofort immer parallel eine Bewertungs- und Rationalisierungsschiene von Emotionen. Ich habe nicht einfach ein Gefühl, sondern ich habe ein Gefühl und dann
Vanessa Kunz (23:12)
Ja.
Sophie (23:17)
Geht’s aber erstmal los? Ist es denn berechtigt, dass ich dieses Gefühl habe? Habe ich dieses Gefühl vielleicht, weil ich etwas fehlinterpretiert habe? Tue ich der Person, der gegenüber ich jetzt irgendein Gefühl habe, vielleicht total unrecht, weil die das ja ganz anders gemeint hat? Vielleicht ist meine Wahrnehmung kaputt. Vielleicht übertreibe ich einfach komplett. Und so kannst du ja ein Gefühl gar nicht erst… Also A, kannst du es kaum empfinden, weil sobald du es empfunden hast, ist es ja schon durch diese ganze…
Schleife gedreht irgendwie. Du kannst es nicht wirklich loslassen, weil du ja nicht… Du fühlst es ja nicht und du akzeptierst es ja nicht, sondern du stellst es ja permanent in Frage. Und so kannst du natürlich ein Gefühl auch nicht verarbeiten oder so. das betrifft jetzt nicht so alltägliche Gefühle, halt immer wieder kommen, aber so tiefere Probleme oder Dynamiken oder so.
Vanessa Kunz (23:48)
Mmh.
Ja. Auch nicht fühlen im ersten Schritt.
Sophie (24:12)
wenn du halt gar nicht einfach es mal anerkennen kannst, ja das ist jetzt halt da. Und das ist erstmal nicht gut und nicht schlecht und nicht falsch und nicht richtig, sondern es ist einfach mal da, Punkt. Und da darf es erstmal, nicht dauerhaft, aber für den ersten Moment, darf es da erstmal aufhören. Und dann kann man sich immer noch damit beschäftigen, wie ist das Gefühl entstanden, so. Und selbst wenn ich zum Beispiel in einer
Situation was falsch interpretiert habe und ich fühle mich dann irgendwie verletzt oder irgendwas. Also ich argumentiere jetzt rein rational, das ist was was komplett nicht funktioniert für mich, aber ich kann mir das rational herleiten. Und ich fühle mich dann verletzt einfach weil ich was falsch verstanden habe. Dann ist mein Gefühl ja trotzdem nicht falsch. Oder ich habe keinen Fehler gemacht, weil ich das jetzt so empfunden habe.
sondern ja, ich bin von etwas ausgegangen, von einer Interpretation, die vielleicht nicht intendiert war von meinem Gegenüber. Dann kann man das klären, kann man darüber reden, dann kann der andere vielleicht sagen, ey sorry, ich habe eigentlich das und das gemeint, so, dann kann man das auflösen und dann ist fein und dann hat eigentlich niemand Schuld. Wie gesagt, ich habe nichts Schlimmes gemacht, weil ich das anders empfunden habe. So wäre meine Vorstellung davon, wie das wahrscheinlich funktioniert,
Aber in meinem Kopf funktioniert das überhaupt nicht Das zeigt halt so bisschen so. Wenn man damit aufwächst, Leute immer wieder sagen, jetzt stell dich mal nicht so an, ganz ehrlich. Und andere Leute kriegen das irgendwie auch hin. Meine Oma hat das mal sehr gern gemacht, mich mit Schulkameradinnen zu vergleichen oder mit meiner Cousine oder so. Guck mal, kriegt das hin. Guck mal, die macht das. Guck mal, wie schön die die Haare hat. Guck mal, das. Guck mal, guck mal, guck mal, anderen. Guck mal.
Vanessa Kunz (25:44)
Ja.
Sophie (25:59)
dann wächst man einfach damit auf, dass man falsch wahrnimmt, aber auch nicht weiß, wie man seine Wahrnehmung korrigieren soll. Weil meine Wahrnehmung ist ja nur meine Wahrnehmung. Also was soll ich tun? Ich kann mir nicht eine neue Wahrnehmung basteln.
Vanessa Kunz (26:07)
Mhm, ja.
Ja.
Ich finde es auch ultra spannend, weil die harmloseste Variante kann ja auch einfach sein, sagen, als Eltern zum Beispiel oder innerhalb der Familie, ja, so geht es aber allen, so fühlen Das macht jeder so. Diese Probleme hat jeder und so weiter. Das muss natürlich auch keine böse Absicht haben. Wahrscheinlich ist es einfach die Perspektive von der Person, dass man sagt, na ja, für sie fühlt sich es ja auch so an. Also liegt es nahe, dass es allen so geht. Es sind ja schon zwei.
Sophie (26:41)
Mhm.
Vanessa Kunz (26:44)
Aber es ist halt meistens nicht die Realität, sondern eher eine sehr, kleine Schnittmenge. Ein Mini-Ausschnitt von Menschen, es so gehen könnte.
Sophie (26:52)
Und es macht halt auch nichts besser. Also ich habe schon öfter überlegt,
Leute das sagen. Also das passiert ja gerade auch im Zusammenhang mit ADHS, Autismus, sämtlichen anderen psychischen Erkrankungen oft so, wenn man dann erzählt, wo man die Probleme hat und Leute dann sagen, das war bei mir auch so. Also nun gibt es natürlich mehrere Wahrscheinlichkeiten so. Es kann sein, dass diese Person tatsächlich ganz genau so ist. Dann sollte sie sich darüber Gedanken machen, ob die Diagnose auch auf sie zutreffend sein könnte. Aber…
Leute sagen das ja entweder weil sie glauben sie beruhigen einen damit, weil sie eigentlich sagen wollen, das ist nicht schlimm, macht ihr keine Gedanken, andere Menschen haben das auch. Also eigentlich irgendwie ein positiver Gedanke, der aber eigentlich nur relativierend wirkt. Oder es ist halt so ein, ja mach mal nicht so was Besonderes draus hier irgendwie.
Vanessa Kunz (27:27)
Mmh.
Ja.
Sophie (27:48)
Jeder empfindet so, reißt sich zusammen. Aber beides ist irgendwie…
Vanessa Kunz (27:54)
Ja, es hilft halt wirklich nicht.
Sophie (27:54)
Also mir fällt
kein Szenario ein, dieses, das habe ich aber auch, irgendwas Positives macht. Was soll ich daraus ziehen? Okay, dann höre ich jetzt auf darüber zu sprechen, keine Ahnung, das jeder hat oder soll ich mir jetzt keine Gedanken mehr darüber machen oder soll mich das jetzt nicht mehr…
Vanessa Kunz (28:16)
Ja.
Sophie (28:21)
belasten, wie es mich belastet, nur weil es andere Leute auch belastet. Also wie man es dreht und wendet, ist es nicht so wirklich hilfreich.
Vanessa Kunz (28:27)
Ja.
Ja, ich finde, das geht auch immer so bisschen in die Richtung von so einem Totschlagargument. Oder what about the sim, wo du dann einfach sagst, ja, anderen geht’s ja viel schlechter. Das kann man ja, wenn man jetzt von ADHS und Autismus auf einem Spektrum erst mal redet, kannst du auch immer sagen, na ja, wir reden jetzt hier drüber, aber anderen geht’s viel schlechter. Die haben viel größeren Leidungsdruck oder so. Und da denk ich mir, ja, 100 Prozent.
Sophie (28:40)
Ja.
Klar? Ja.
Vanessa Kunz (28:54)
Aber es ändert nichts an der Situation gerade, dass es uns gibt und es gibt Menschen, denen geht’s schlechter, es gibt Menschen, denen geht’s besser. Und es gibt Menschen, haben keine Probleme mit ADHS und Autismus. Worüber reden wir hier?
Sophie (29:06)
Es ist immer wieder so eine
voll individuelle Sache. dieses mir geht es auch so, anderen geht es auch so. Das ist sofort so eine Wertung. Es gibt nicht dieses Zwischending, wo man erst mal sagt, okay, du fühlst dich so.
Vanessa Kunz (29:21)
Yep.
Sophie (29:26)
Du findest das und das unangenehm oder das und das. Sie erzählt ja auch, dass sie dann nicht in den Urlaub fährt und es ist so heiß und das kann sie so schlecht. Und das kann ich gut verstehen. finde Hitze auch unerträglich. Und andere Leute finden das aber super angenehm und hoff ich schön, wie der Sommer ist. Und ich freue mich jedes Jahr auf Sommer und 30 Grad und stundenlang in der Sonne und Kann ja auch beides richtig sein. Kann für die eine Person so sein. Kann für die andere Person so sein.
Aber wenn halt jemand sagt, ey, das belastet mich total, mir geht es körperlich dadurch schlecht, mir geht es psychisch dadurch schlecht, dann nicht sofort da irgendeine Wertung daraus zu machen, nicht zu sagen, ich empfinde das aber ganz anders, weil es ist für diesen, in diesem Moment ist es komplett irrelevant, wie jemand anders das empfindet. Ich sage halt gerade, ich finde es zu warm, es geht mir damit schlecht. Kann man stehen lassen. Man könnte sagen, das tut mir leid, könnte es irgendwas geben, was es dir einfacher macht.
Und wenn nicht, was könnten wir dann jetzt tun, damit es dir besser geht? Was brauchst du jetzt? Und da spielt es überhaupt keine Rolle, ob irgendjemand das anders empfindet. Und da bin ich tatsächlich mittlerweile echt so, wirklich aggressiv
ist einfach nicht so.
Vanessa Kunz (30:35)
Ja,
ich hab das Gefühl, dass es so…
immer weniger Wahrnehmung für Empfindungen anderer gibt. Also es ist immer nur noch sehr faktenorientiert. Haben wir im Vorgespräch kurz gehabt, so deine eigenen persönlichen Erfahrungen, die glaubt dir erst mal keiner, weil das kann ja alles gar nicht so passiert sein. Es ist so ein Misstrauen und ich glaube, das hat sich in den Jahren irgendwie auch verschärft jetzt mit Social Media, dass man sich permanent nur falsch verstehen will.
Sophie (30:57)
Hm.
Vanessa Kunz (31:08)
oder nur auf das sehe ich anders und du hast nicht recht und sowas geht. Das ist ja schon dezent anstrengend, möchte ich jetzt mal sagen.
Sophie (31:19)
Mhm. Ja, gerade auch dieses
Missverstehen Wollen. Ich glaube, das ist bei manchen wirklich so ein Ding. Also, dass dann nur noch reagiert wird auf irgendwelche einzelnen Begrifflichkeiten oder Formulierungen oder irgendeine bestimmte Meinung, die einem vielleicht nicht gepasst hat oder sowas. Und dass man dann nicht mehr in der Lage ist, den ganzen Menschen zu sehen und zu sagen, okay, hier…
Vanessa Kunz (31:24)
Ja.
Ja, das schwierig.
Sophie (31:47)
sind wir vielleicht irgendwie, ne, kommen wir nicht zusammen in diesem Punkt. Was aber trotzdem nicht heißt, dass du ein schlechter Mensch bist, den ich bekämpfen muss, weil du nicht meine Ansicht bist. Und das ist wirklich, das ist extrem. Und das macht mich auch richtig, macht mich auch richtig fertig. So, dass da diese, also dass es diese Offenheit auch einfach nicht mehr gibt und es macht mich besonders fertig in den Bubbles.
in denen ja eigentlich ständig gefordert wird, dass man Verständnis hat und tolerant ist und für andere Lebensrealitäten und Lebensentwürfe und bla bla. Und wenn man das dann mal wirklich anwenden müsste, weil du musst es ja nicht anwenden in einer Bubble, wo alle deiner Meinung sind und dieselbe Lebensrealität haben wie du. Da kostet es dich nicht besonders viel.
Vanessa Kunz (32:14)
Ja.
Sophie (32:38)
Es wird dann anstrengend, wenn du es da anwenden musst, wo du eben Leute nicht verstehst, wo du nicht mit ihnen auf einer Linie bist. Und natürlich gibt es da Grenzen. Ich sage jetzt nicht, wir müssen alles akzeptieren und jede Sch***meinung und weiß nicht, das sage ich explizit nicht. Es gibt Meinungen, die man nicht akzeptieren kann und sollte. Und jeder zieht da vielleicht eine Grenze auch unterschiedlich
Vanessa Kunz (32:54)
Bitte nicht, nein.
Sophie (33:04)
Ich habe das Gefühl, dass da echt so eine krasse Verengung manchmal ist, was man noch bereit ist zu akzeptieren und wo man bereit ist, sich auf andere einfach auch einzulassen. Ich habe einen Bekannten zum Beispiel, der findet Gendern furchtbar. Würde er nie machen. Ab und an regt er sich auch darüber auf, wie kann man sowas machen. Dann könnte ich natürlich super pissed sein.
und könnte sagen, wie kann man denn gegen das Gendern sein? Und der ist auch noch ein Mann und der ist auch noch ein bisschen älteren Semesters. Könnte ich auch sagen, ist einfach ein alterweißer Mann. der will nicht gendern, der ist frauenfeindlich, der ist keine Ahnung, einfach ein furchtbarer Mensch, mit dem will ich nichts zu tun haben. Könnte ich machen. Wäre aber Quatsch. Und wäre auch extrem unterkomplex, weil… So, ne? Wir sind in diesem einen Punkt.
Vanessa Kunz (33:55)
Yep.
Sophie (33:58)
unterschiedlicher Meinung und das kann man aushalten und das ist nicht schlimm und er wird nicht ein schlechter Mensch dadurch, weil er das nicht
Wir sind nicht kompatibel miteinander.
34:07 Offenheit für unterschiedliche Perspektiven
Vanessa Kunz (34:08)
Ja, genau.
Und ich finde auch, dass man für sich selber definieren darf, wo die Meinung nicht auseinandergehen darf. jetzt mal sowas wie Menschenrechte zum Beispiel reingebracht. Wenn man da unterschiedlicher Meinung ist, dann ist es schon schwierig und das wirkt sich wahrscheinlich auf sehr viele andere Themen aus. Von daher finde ich es auch schwierig, aber ich glaube die Bereitschaft …
Sophie (34:17)
Ja, voll.
Vanessa Kunz (34:33)
sich andere Meinungen überhaupt anzuhören. Die singt auch, weil eben jeder in seiner Bubble ist und nur noch seine eigenen Sachen mitbekommt. Und ich finde, das ist so ein Kreis, der sich gerade schließt, so ein Buch wieder, weil es gab eine Stelle, die mich auch ultra geflasht hat. Direkt am Anfang war das relativ und ich habe die natürlich auch markiert, damit ich sie vorlesen kann.
Und zwar ist es glaube ich sogar noch die Einleitung oder Vorwort. Dieses Buch ist für alle, die ihr Leben lang dachten sie seien falsch und unnormal, die nicht verstanden haben, warum sie nirgendwo reinpassen, die immer wieder gescheitert sind an ihren eigenen Ansprüchen und an denen der Gesellschaft.
Das hier ist das Buch, das ich früher gern selbst gelesen hätte. Und das war so der erste Punkt, wo ich mir dachte, oh sh*t, das wird hier ein unangenehmes Buch für mich, weil das trifft mich so sehr. Und es ist passend für das, was ich mir wünsche und was ich mir gewünscht hätte, was man natürlich in der Vergangenheit nicht ändern kann, aber was ich mir wünsche, dass wir
Menschen haben, die ihre Geschichten erzählen, die ihre Empfindungen aussprechen, ein bisschen mehr in die Richtung zu kommen, dass jeder ein eigener Mensch ist, jeder ist ein Individuum und es geht nun mal nicht, dass wir alle das gleiche fühlen, das gleiche denken und das gleiche mögen. Dann würde die Welt irgendwie zusammenbrechen, das funktioniert nicht. Und dieser Satz, dass es das Buch ist, was sie gerne früher gelesen hätte.
Das ist für mich so ein Antrieb. Ich hätte gerne so einen Podcast gehabt, als ich jünger war. Ich hätte gerne jemanden gehabt, der mich an die Hand nimmt und mir sagt, wir gucken uns die Probleme an, die du hast, und wir gucken mal, was dahintersteckt. Und wir gucken, ob das eine Diagnose sein könnte in Richtung ADHS oder Autismus. Wir lassen da nicht locker bei den Ärzten und so weiter. Und ich möchte in gewisser Weise auch zu der Person werden, die ich früher gebraucht hätte.
anderen zu helfen. Und das ist für mich so ein tiefer Punkt, der mir so wichtig ist, weswegen mich das Buch quasi schon, bevor es richtig losging, einfach sehr mitgenommen hat.
Sophie (36:43)
Ja, also meine, das machst du ja auf jeden Fall schon mit dem Podcast und sowas. Da tust du, glaube ich, schon sehr viel dafür. Und das ist eben auch das, was ich meine. Ich weiß manchmal nicht, wenn dich so sowas wie das mit dem gendern und so, ob Leute das dann wieder missverstehen, worauf ich irgendwie hinaus will oder dass ich irgendwas rechtfertigen will, was nicht zu rechtfertigen ist oder so. Das ist nicht mein Punkt.
Vanessa Kunz (37:09)
Ja.
Sophie (37:11)
Will einfach, dass wir offen füreinander sind, dafür, dass Menschen Dinge unterschiedlich wahrnehmen, unterschiedlich bewerten, eine unterschiedliche Sozialisation haben, einen unterschiedlichen kulturellen Background haben, der natürlich auch beeinflusst, wie man irgendwas wahrnimmt. ich bin immer so, ich find’s eher spannend, wenn mir Leute irgendwas erzählen.
was ich so selber nie erlebt habe oder nie empfunden habe, dann ist jetzt nicht mein erster Impuls, wie bei manchen Leuten, ja, was hab ich noch nie erlebt? Und dann aber mit so einem, dann gibt’s das auch nicht, weil ich das noch nie erlebt oder empfunden habe oder so. Das wäre überhaupt nicht mein Impuls. Mein Impuls ist, ey, ist ja spannend, erzähl mir mehr. Sag mir, wann du das empfindest und wie das alles kommt und wie das zusammenhängt und ich will das wissen, so, weil…
Vanessa Kunz (37:43)
Ja.
Mh.
Ja, voll.
Sophie (38:08)
mich Menschen interessieren und weil mich interessiert, wie Menschen leben und wahrnehmen und empfinden und so. Ich finde es halt spannend. Und das muss dann nicht immer bedeuten, dass das meine Wahrnehmung ist.
ist ja langweilig, wenn wir alle nur ständig erzählen würden, dass sie genauso wahrnehmen wie ich. Also ja, das kann auch natürlich eine Bestätigung sein und man freut sich auch darüber, weil wenn niemand so wahrnehmen würde wie ich, wäre es auch bisschen einsam. Aber nicht alle müssen das so.
Ich es interessant, dass nicht alle das tun und finde es besonders interessant, wenn Menschen zu Schlüssen kommen, zu denen ich nie kommen würde und mich dann frage, wie kommt ihr dahin? Wie ist das passiert? Und dann kann ich irgendwann immer noch sagen, ne, tut mir leid, aber mit dem Menschen will ich mich nie weiter beschäftigen, weil der eben auch nicht willens ist, sich selber zu hinterfragen und sich zu öffnen für was anderes. Das stelle ich irgendwann fest.
Vanessa Kunz (38:45)
Ja.
Sophie (39:04)
Und dann kann ich sagen, okay, du bist halt so vernagelt in deiner Welt, dann bleib da, ist okay, dann gehen wir getrennte Wege. Oder ich mache halt eine interessante Erfahrung, dass ich vielleicht kurz die Welt ein bisschen durch diese Perspektive sehen kann, die jemand anders hat. Und dann vielleicht sagen kann, okay, finde ich jetzt, wo du es mir erklärst, verstehe ich, wie du dahin kommst oder finde ich das irgendwie plausibel, so wie du mir das erklärt hast?
auch wenn ich selber nicht so empfinde. Und das ist was, was mir total fehlt. Einfach diese Offenheit und erstmal weitestgehende, wie gesagt, nicht falsch verstehen bitte, weitestgehende Wertungsfreiheit erstmal. Heißt nicht, dass ich alles ohne Wertung stehen lassen muss. Aber erstmal sagen, ich bin erstmal offen für dich.
Vanessa Kunz (39:35)
Ja.
Sophie (40:02)
und das, was da kommt. Das finde ich total wichtig.
Vanessa Kunz (40:08)
Es ist auch voll wichtig, weil ich glaube, das macht eine Gemeinschaft, und wir leben irgendwie in der Form von einer Gemeinschaft, ja, aus. Und ich stelle auch immer wieder fest, wenn mir Leute von sich erzählen, dann verstehe ich mich ein Stück besser. Also wenn wir zwei über Zeitblindheit sprechen, verstehe ich noch mal ein bisschen besser, wo eigentlich mein Problem liegt, was du nicht hast. Und das heißt ja jetzt nicht, dass jetzt nur die eine Wahrnehmung besser ist, oder nur die eine ist richtig, oder…
Sophie (40:32)
Mhm.
Vanessa Kunz (40:37)
Meine Wahrnehmung ist viel cooler als deine. Keine Ahnung, es macht keinen Sinn so das zu bewerten, sondern ich nehme eher die Erfahrung und die Beobachtung von anderen Personen, ⁓ mir selbst ein bisschen mehr Informationen über mich zu geben.
Sophie (40:39)
Ja.
Es
vervielfältigt halt das Bild so ein bisschen. Entweder man erkennt sich halt wieder im anderen, dann kann man sagen, boah cool, ist ja auch ein totaler Bonding-Moment oft, wenn jemand einem dann was erzählt. Man hat das genauso erlebt und ist dann so, ja genau, das kenne ich auch so. Es kann voll schön sein. Oder man kann halt sagen, nee, erlebe ich total anders, aber voll spannend, dass du mir das erzählt hast, dass du das irgendwie ganz anders siehst und erlebst.
Vanessa Kunz (40:58)
Ja.
Sophie (41:21)
Wie das ja auch mit, hatten wir vorhin ja kurz darüber gesprochen, über auch so Selbstbezeichnungen und sowas geht, ne? Ob man jetzt Identity First Language benutzt oder, Person first. Das ja gerne so getan wird manchmal in diesen Online-Communities, dass das total homogen wäre und dass alle irgendwie dasselbe bevorzugen und alle dieselbe Sprache und, ähm,
Vanessa Kunz (41:28)
Ja.
Sophie (41:46)
Das ist aber halt einfach nicht so. Auch die autistische Community ist keine homogene Community.
Vanessa Kunz (41:48)
Ja.
Sophie (41:53)
da fängt es dann eben schon an, sich an so Kleinigkeiten manchmal total absurde Diskussionen zu entzünden, wo ich so denke, warum fühlt ihr diese Diskussion überhaupt? Können wir das bitte anerkennen, dass Menschen unterschiedliche Dinge wollen, brauchen und dass es voll okay ist, dass das so ist?
Vanessa Kunz (42:04)
Ja.
Sophie (42:15)
Und wenn das in diesen Communities schon schwierig ist, wie soll das denn außerhalb funktionieren? Man würde ja meinen, dass es in diesen Communities, wo es besonders wichtig ist, besser funktioniert. Aber die Erfahrung mache ich jetzt nicht so oft. Ich will nicht sagen, dass es gar nicht so ist, aber ich erlebe eher oft, dass ich da in Kleinigkeiten…
Vanessa Kunz (42:32)
Naja, ich auch nicht.
Sophie (42:39)
aufgehängt wird und Gräben gezogen werden, wo sie gar nicht gezogen werden müssten, aus was für Gründen auch immer, könnte man daran arbeiten. So allgemein. Innerhalb der Community und natürlich auch außerhalb der Community. Das wäre… Das wäre hilfreicher.
Vanessa Kunz (42:49)
Ja.
Im besten Fall ja.
Ich find das triffts so gut, weil am Anfang, als ich das Buch gelesen habe, so das erste Drittel ungefähr, würde ich sagen, war ich schockiert und habe mich so gut verstanden gefühlt und gesehen gefühlt und das hat auch bis zum Ende wirklich angehalten. Aber irgendwann, keine Ahnung, ab der Mitte kam eine extreme Wut. Und ich habe so viel Wut gefühlt.
weil ich die ganze Zeit dachte, ich habe Erfahrungen gemacht, die waren schße. Punkt. Aber ich habe nicht gewusst, dass es Menschen gibt, die haben dieselben Erfahrungen gemacht, das war genauso schße. Oder das heißt dieselben Erfahrungen, aber sehr ähnliche Erfahrungen. Und das ist furchtbar. Und ich habe durch dieses Problem gemerkt, dass ich nicht die special snowflake bin, die irgendwie den Sch**ßetopf gegriffen hat, sondern dass es noch andere Leute gibt.
Und es wahrscheinlich so viele weitere gibt, denen es auch so ging. Und das hat mich so wütend gemacht. Und da hab ich mir auch was markiert. Mit schönen Blumen-Washi-Tape, was überhaupt nicht dazu passt. Und zwar sind es zwei Stellen, wo ich wirklich dachte, alter … Ha, Vanessa, durchatmen. Einerseits ich war wütend, weil ich nicht duschen wollte, weil ich nicht rausgehen wollte, weil ich in Ruhe gelassen werden wollte.
Und ich glaube, das ist ja nur ein Satz. Und der beschreibt einfach meine komplette Jugend, weil ich so überfordert war und in einem System war, was nicht auf meine Bedürfnisse ausgelegt Das war furchtbar. Und dann geht’s auf der nächsten Seite direkt weiter. Ich war wütend, weil ich in einer Welt lebte, von der ich mich pausenlos gekränkt und missverstanden fühlte.
Und das hat es dann wieder mit dem Nagel auf den Kopf getroffen, oder wie man das sagt. Weil diese Welt, die Gesellschaft, gibt dir das Gefühl, dass du falsch bist. Da kommen wir zum Buchtitel, nicht falsch, nur neurodivergent. Aber du kriegst permanent das Gefühl von Kindheit an, dass du anders bist und dass du Dinge falsch machst. Du bekommst gesagt, dass du Dinge falsch machst. Dir wird nicht erklärt, wie jetzt richtig wäre, weil es gar keine Definition von richtig gibt.
Sophie (45:06)
Oder weil sie davon ausgehen, dass man das sowieso wissen müsste, weil alle das wissen. Ist so common knowledge.
Vanessa Kunz (45:06)
Genau,
die Nachfrage ist einfach nur Provokation und Aufmüpfigkeit und Das sind so viele Sachen, wo ich mir denke, das sind universelle Erinnerungen. Weil das viele Menschen im neurodivergenten Spektrum Weil die Gesellschaft da überhaupt keine Rücksicht nimmt und weil das Bewusstsein natürlich vor ein paar Jahren auch überhaupt nicht da war.
Aber dass immer noch zu wenig da ist, um im Großteil gesehen positive Erinnerungen zu machen. Und das hat mich so wütend gemacht.
Sophie (45:45)
Ich finde es interessant, weil du ja auch empfinden könntest, wie schön, ich bin damit nicht allein. Also eher so eine Art von Erleichterung. Bei dir aber mehr Wut auslöst, finde ich interessant. Aber liegt bei mir wahrscheinlich daran, habe ich vorhin ja auch schon gesagt, ich neige nicht zum wütend sein.
Vanessa Kunz (45:59)
Ne.
Also… ich auch lange nicht.
Sophie (46:13)
Also ich weiß bei mir aber auch nicht, das ist ein bisschen der Punkt, erlaube ich mir nur einfach nicht wütend zu sein.
46:15 Wut
Vanessa Kunz (46:20)
Ja, also ich hab sehr lange Wut
unterdrückt, deshalb kommt die mittlerweile sehr prominent. Also mich macht es wütend.
Sophie (46:24)
Wirklich? Dann holst
du quasi ein bisschen Wut nach jetzt.
Vanessa Kunz (46:29)
Voll! Ey, die ganzen
Ungerechtigkeiten in meiner Kindheit, meiner Schulzeit, in der Jugend, wie mich Ärzte behandelt haben, das war alles so f*cking beschissen. Wir fluchen übrigens in meinem Podcast vollkommen fein. Und ich hole diese Wut nach, weil ich mich damals einfach nur unverstanden gefühlt hab und gedacht hab, okay, das liegt an mir, ich bin falsch. Aber mittlerweile weiß ich, das ist ein strukturelles Problem, gesellschaftliches Problem. Und …
Sophie (46:41)
Ja.
Vanessa Kunz (46:55)
Das macht mich so wütend, weil es immer noch Kinder gibt, die gerade aufwachsen in einer Zeit, wo denen das Gleiche passiert wie mir vor 15 Jahren. Und da denke ich mir einfach, das muss doch nicht
Sophie (47:09)
ich finde das Problem ist halt auch, ja, also wir sind besser informiert heute im Vergleich zu von vor 20, 30 Jahren. Aber, genau. Also wir sind…
Vanessa Kunz (47:21)
gar nicht informiert.
Sophie (47:26)
definitiv noch nicht irgendwie am Ende und alle sind aufgeklärt und alles ist geil. Aber man muss schon anerkennen, hat sich das Wissen darüber verbessert, die öffentliche Diskussion darüber ist mehr geworden und so. ist ja im Prinzip gut. Aber es ist ja oft auch so, auch bei psychischen Erkrankungen generell, dass es viele Menschen gibt, die zwar anerkennen, dass es das gibt, von dir dann aber gleichzeitig verlangen,
Vanessa Kunz (47:37)
Ja.
Mhm.
Sophie (47:52)
dass du darüber bitte nicht sprichst. Es ist ja fein, dass das da ist. Okay, habe ich jetzt zur Kenntnis genommen. Aber kannst du bitte so tun, als wäre es nicht da. Leute, die dann sagen, sie hätten total viel, also würden das alles akzeptieren und so. Voll wichtig. Aber sobald es dann wirklich darum geht, es zu akzeptieren, weil es nämlich zu Problemen, zu Schwierigkeiten führt, weil es irgendwie unbequem ist, weil man sich bisschen mehr Mühe machen müsste.
Vanessa Kunz (47:55)
und dich auch nicht so verhältst.
Ja.
Sophie (48:21)
Dann sind viele schon an der Grenze und sagen dann wieder, nee, das, ganz ehrlich, das will ich dann auch nicht leisten. Und das reicht dann nicht. Es reicht nicht, dass du einfach irgendwie akzeptierst, dass das da ist. Da gehört dann schon ein bisschen mehr zu. Und wenn dir halt jemand sagt, das und das ist mein Problem oder das ist meine Diagnose oder so, nicht sofort in diesen Modus zu gehen, zu glauben,
Jemand möchte sich rechtfertigen damit. Das ist ja immer das, was sehr viele Leute denken. Einfach nur, wenn man das sagt, dass das da ist. Einfach der Fakt. Ich spreche den Fakt aus, dass das so ist. Und verbinde damit noch keine Erwartung oder irgendwas, sondern einfach nur, ich sage, dass das so ist. Und Leute schon sagen, ja hör mal auf dich zu rechtfertigen. Ich rechtfertige mich nicht. Ich gebe dir eine Information. Ich sage dir, das ist der Grund.
Vanessa Kunz (48:54)
Ja.
Sophie (49:16)
weswegen ich das und das tue oder da und damit Probleme habe. Das heißt noch nicht sofort, dass ich in Watte gepackt werden möchte und gepempert. Aber das heißt, das ist der Grund, weswegen ich damit ein Problem habe. Und jetzt können wir irgendwie zusammen gucken, was wir daraus machen, ob du mich auf mich eingehen möchtest, ob wir irgendwo einen Kompromiss finden, der für mich besser tragbar ist und so weiter. Aber einfach erstmal den Fakt zu nennen, dass das schon eine Rechtfertigung ist, wird dann schon schwierig.
Vanessa Kunz (49:26)
Ja.
Das macht mich wütend.
Sophie (49:46)
Ich finde es auch furchtbar,
weil es so eine schöne Vereinfachung Weil dann müssen sich die anderen Leute ja ⁓ nichts mehr kümmern. Sie haben zwar anerkannt, dass das dein Problem ist, aber eigentlich wollen sie dir gleichzeitig sagen, mach halt kein Problem draus. Mach halt eigentlich so alles wie alle anderen. Ist mir egal, ob du das kannst oder nicht.
Vanessa Kunz (49:55)
Ja.
Sophie (50:10)
dass du eine Behinderung hast oder eine psychische Erkrankung hast, das kann ja wohl jetzt kein Grund sein XY nicht hinzukriegen. Und dann denke ich mir, aber wenn das kein Grund ist, was denn dann? Also was würdest du denn anerkennen als Grund? Diesen Reflex verstehe ich eher immer nicht.
Vanessa Kunz (50:18)
Ja.
Ich auch nicht. Ich kenne das vor allem auch im Arbeitskontext, dass Leute dann berichten auf der Arbeit. Sie sagen ja zum Beispiel, ich bin Autist und habe in den Sachen z.B. sensorische Probleme, was Gerüche angeht. Oder Geräusche. Aber das Radio leise machen tagsüber geht nicht. Weniger Parfüm würde jetzt die Freiheit von einem anderen Menschen einschränken. Keine Ahnung. Da denke ich mir dann auch, die erkennen zwar an, dass man Autist ist.
aber du darfst dich nicht autistisch verhalten und du darfst auch nicht darüber reden.
Sophie (51:02)
Ja, bitte nicht.
Sophie (51:05)
Weil sonst machst du dich ja zum Thema oder machst dich zu irgendwas Besonderem. Also es gibt ja Leute, auch glauben, wenn man einfach nur über seine Diagnosen spricht, dass man damit schon implizit sagt, ich bin was total Besonderes. So ich bin richtig special im Gegensatz zu dir. Und ich so, nee, das sage ich nicht. Ich bin überhaupt nicht special. Ich bin null.
Vanessa Kunz (51:10)
Ja.
Ja. Ja.
Sophie (51:29)
Besonderer als irgendjemand anders. Ich hab halt nur in manchen Bereichen Probleme, die andere nicht haben. So, fertig. Viel mehr wollte ich eigentlich nicht sagen. Aber viele Leute fühlen sich da schon so angegriffen von, wenn man es einfach thematisiert. nur Weil, glaube ich, bei vielen immer noch ganz, ganz, ganz tief drin ist. Ich das betrifft ja vor allem Menschen, ich würde schon sagen, älteren Semesters sind. Das klingt immer so, aber die halt nicht unsere
Vanessa Kunz (51:32)
Ja.
Sophie (51:57)
Generationen sind und selbst wir sind ja so ein paar Jahre auseinander, dass immer noch so tief in diesen Leuten drin ist, darüber spricht man nicht. Das kann da sein, das erzählt man niemandem, weil das ist viel zu privat. Da soll niemand darauf Rücksicht nehmen müssen, weil dann müsste ich es auch erzählen und da ist es viel zu schwierig. Am besten halte ich das geheim und das ist dann irgendwie so der
Vanessa Kunz (52:06)
Ja, und man darf sich nicht beschweren.
Ja.
Sophie (52:26)
Die Idealvorstellung von manchen Leuten, wie man mit diesen Problemen umgehen soll. Nämlich am besten gar nicht nach außen. So, dass sie nicht existieren. Und das kann nicht der gute Umgang sein. Ja, für niemanden auch. Also, ich finde es schon ganz cool, dass wir das heute nicht mehr grundsätzlich so machen, dass wir gar nicht mehr darüber sprechen, in der Hoffnung, dass was auch immer passiert.
Vanessa Kunz (52:34)
Ja.
Na ja.
Sophie (52:55)
Dass niemand davon belästigt wird. Oder so. Keine Ahnung.
Vanessa Kunz (52:59)
Ich finde es auch mal richtig geil, wenn Leute dann so sagen, wo kommen wir denn dahin, wenn wir jetzt Rücksicht darauf nehmen, dass du helles Licht doof findest und laute Geräusche, wenn schon 20 Leute reden. Wo kommen wir dahin? Und dann denke ich mir immer, na ja, vielleicht in eine Gesellschaft, in der auf individuelle Bedürfnisse eingegangen wird, in der es jeder einzelnen Person besser geht, in der wir Rücksicht nehmen aufeinander, Verständnis füreinander haben, Perspektiven wechseln.
Ich weiß nicht, fühlt sich an wie eine Utopie. Also, wo kommen wir da hin?
Sophie (53:29)
Ja?
vielleicht, möglicherweise. Und es sind ja auch nicht nur neurodivergente Menschen, die davon profitieren würden. Es gibt auch Leute ohne relevante klinische Diagnose, die sich über manche Sachen vielleicht freuen würden oder manche Sachen, die für sie was erleichtern würden.
Vanessa Kunz (53:32)
Nein! Jeder würde das.
Sophie (53:50)
Also, ja, ist schon schwierig. Aber irgendwie gönnen sich Leute ja auch nichts mehr. Sobald jemand irgendwie was kriegt, was sie nicht haben, sind sie pissig und wollen das auch. Oder es ist ja auch mit Nachteilsausgleichen und sowas so. Ich habe das jetzt noch nie in Anspruch genommen, weil ich studiert habe und wusste ich ja von meinen Diagnosen nichts und wäre auch nicht auf die Idee gekommen. Aber wenn dann Leute das in Anspruch nehmen und…
Vanessa Kunz (54:05)
Mmh.
Ja.
Sophie (54:18)
dann aber andere total pissig sind und sagen, kriegt ihr alles hinterher geschmissen, sondern hat die Motto, das will ich ja wohl auch, das ist ja unfair und so, das ist ich unter anderen Bedingungen. Ich denke, Gott, das kann man einfach mal gönnen, bitte. Und es ist ja auch nicht so, dass man das aus lauter Spaß macht, wenn man das anders…
Vanessa Kunz (54:27)
Ja.
54:33 Neid und Ungerechtigkeit
Sophie (54:39)
könnte, dann würde man wahrscheinlich auch keinen Nachteilsausgleich in Anspruch nehmen. Also ich habe noch nicht gehört, dass Leute massenhaft Nachteilsausgleich überantragen, die sie gar nicht brauchen.
Vanessa Kunz (54:44)
Ja.
Ja, also
es ist so lächerlich, weil ein Nachteilsausgleich gleicht ja etwas aus, was vorher ungerecht war, damit es halbwegs auf einem Level ist. Ob es wirklich auf einen Level kommt, ist ein komplett anderes Thema, dafür haben wir jetzt nicht die Kapazität, darüber zu diskutieren. Aber das ist so absurd, Und so lächerlich, weil es gleicht halt einfach nur, es versucht auszugleichen, was vorher ungleich war.
Und ich hab wirklich das Gefühl, du hast es schon gut beschrieben, oftmals sind Menschen entweder neidisch, wenn der andere mehr hat und wollen dann
Oder aber es geht in die komplett andere Richtung und ihnen geht es aber viel schlechter als allen anderen Menschen.
Sophie (55:32)
Mhm.
Mhm.
Vanessa Kunz (55:33)
Also du
hast vielleicht ADHS, aber ich hab jetzt Grippe gehabt. Mir ging’s richtig schlecht. Ich musste mehrmals zum Hausarzt und hatte auch Fieber. Und dann musste ich Medikamente nehmen. Ich konnte gar nicht aus dem Bett. Du kannst aufstehen.
Sophie (55:36)
Ja. Ja, ja.
Mhm.
Ja, das ist
auch so eine Unart an Reaktionen, dass dann sofort immer, wenn kein Konflikt provoziert wird über Kleinigkeiten, dann fangen wir an uns darüber zu unterhalten, wer es jetzt am schlimmsten hat und ob man sich jetzt beschweren darf oder nicht.
Vanessa Kunz (56:07)
Ja.
Sophie (56:10)
Und wenn wir halt solche Maßstäbe erst anlegen wollen, dann dürfte sich wahrscheinlich niemand auf diesem Planeten mehr oder fast niemand mehr über irgendetwas beklagen, weil es immer irgendwo jemanden geben wird, den es noch schlechter getroffen hat und dem es noch schlimmer geht und der noch weniger Unterstützung hat. Aber wem nützt denn sowas? im Grunde nur dem Ego der Person, die
Vanessa Kunz (56:10)
Ja.
Niemandem.
Sophie (56:39)
meint sich jetzt da besonders hervorheben zu müssen mit mir geht es aber am schlechtesten ich habe am meisten gelitten jetzt von allen und deswegen dürft ihr da jetzt gar nicht am Gespräch teilnehmen weil nur ich weiß wie das ist so krass zu leiden das finde ich auch immer sehr anstrengend
Vanessa Kunz (56:59)
Und ich finde, auch da hilft das Buch voll, weil wir teilweise so ehrliche Einblicke bekommen in so Impostergefühle, Selbstzweifel, Selbsthass, wo ich mir auch gedacht habe, also ich lese jetzt auch nicht so viel, aber wer schreibt denn so ehrlich, so detailliert über diese Themen in einem Buch, wo es eigentlich nicht jetzt prominent darum geht und es ist eher so am Rande, aber
Sophie (57:09)
Mhm.
Vanessa Kunz (57:26)
Das ist so krass!
Sophie (57:26)
Aber es ist halt eine
wichtige Begleiterscheinung, sag ich mal. Und deswegen ist es ja gut, dass so möglichst vielfältig aus ganz vielen Perspektiven oder wo das eben einen überall beeinträchtigt und beeinflusst. Und das können sich ja manche Leute wahrscheinlich nicht vorstellen. Das ist halt jeden Bereich deines Lebens irgendwie beeinflusst. So deine Wahrnehmung, Selbstwahrnehmung, deine Kommunikation mit anderen.
Vanessa Kunz (57:30)
Ja.
Sophie (57:56)
alles einfach. da ist das schon echt, also macht sie das wirklich wirklich wirklich gut. Ich fand ganz interessant, dass sie, weil das für mich so ein kleiner, also es ist nur eine Arbeitshypothese, es kann auch totaler Quatsch sein, aber so einen kleinen Aha-Moment hatte, weil sie geschrieben hat, ich tue mich schwer mit der Interpretation von Filmen, Büchern und Geschichten. Und ich habe jahrelang
Vanessa Kunz (57:58)
Ja, dein ganzes Leben.
Mhm.
Sophie (58:24)
Buchrezensionen geschrieben, so, aber hatte immer Angst bei Rezensionen und hätte sie heute immer noch mehr, wenn ich immer noch mehr Rezensionen schreiben würde, immer Angst, dass ich nicht mitkriege im Buch, irgendeine Bedeutungsebene nicht mitkriege, irgendeine extrem wichtige Metapher nicht verstehe oder so. Und ich habe halt ganz lange gedacht und das kann natürlich auch einen
Vanessa Kunz (58:47)
Ja.
Sophie (58:52)
Aspekt sein. Ich sage jetzt nicht, dass es komplett vom Tisch ist, aber ich habe lange gedacht, es liegt einfach daran, dass ich ungebildet bin. Und weil mir die Bildung fehlt, um das zu dechiffrieren, was in den Roman XY vorkommt, sehe ich das halt nicht. Und ja, kann ein Punkt sein. Aber ich habe mit dem Buch dann auch angefangen darüber nachzudenken, vielleicht ist es aber auch zum Teil so ein Autismus-Ding, dass ich halt nicht in alles so
Vanessa Kunz (59:07)
Ja.
Sophie (59:19)
30 doppelte Böden in irgendeiner Szene sehe oder das ist irgendwie eine voll krasse Anspielung auf das und keine Ahnung, dass derjenige da Kaffee trinkt, eigentlich das und das. Dass es vielleicht so eine Mischung aus beidem ist. Also dass mir ja, für manches, die Bildung fehlt. Für manches aber auch einfach…
Vanessa Kunz (59:31)
Ja.
Sophie (59:44)
Im Kopf was fehlt, um das zu verstehen.
Vanessa Kunz (59:48)
Ich finde es auch furchtbar. Also dieses Zwischen den Zeilen lesen, da denke ich mir ganz ehrlich, sag es doch einfach gerade raus. Das erspart uns beiden Interpretation und Arbeit und es nervt mich einfach nur. Es nervt so sehr.
Sophie (1:00:00)
Ja, ich
mein es kann schöne Metaphern oder auch schöne sprachliche Bilder oder sowas ergeben. Also da kann ich mich auch durchaus dran erfreuen. Also ich bin ein großer Fan von Clemens Sets, ich weiß nicht ob du ihn kennst. Ein österreichischer Autor, der, ich würde mal sagen, sehr speziell schreibt. Er sagt auch manchmal über sich, dass er autistisch sein könnte, aber er ist bisher nicht diagnostiziert und so wie ich ihn einschätze, ist ihm das auch nicht so wichtig.
Vanessa Kunz (1:00:12)
Keine Ahnung, wer das ist.
Sophie (1:00:29)
Aber der hat so eine Perspektive auf Wirklichkeit, der findet so ungewöhnliche Bilder für Dinge, wo ich aber sofort denke, boah, das macht was mit mir, finde ich voll geil das Bild, wäre ich selber nie darauf gekommen, aber fühlt sich voll geil an, dass jemand sich sowas ausgedacht hat und ich kann das in der Regel auch total gut nachvollziehen, wie er dazu kommt. Also ich kann mich grundsätzlich schon irgendwie an so
Vanessa Kunz (1:00:29)
Mhm.
Sophie (1:00:57)
so bildhafte Sprache kann ich mich schon auch erfreuen, solange es nicht was total Abgedroschenes ist. Das finde ich ganz furchtbar, da werde ich eher aggressiv. Aber wenn es was echt Besonderes ist, wenn es mir eine Perspektive gibt, die ich vorher nicht hatte, dann finde ich das total bereichernd und schön. Aber wie gesagt, zu viel irgendwo rein interpretieren müssen, fällt mir sehr, sehr schwer und
Vanessa Kunz (1:01:04)
Ja.
Sophie (1:01:25)
Dieses Buch hat mir bisschen so, okay, das könnte möglicherweise auch ein Grund sein, weswegen mir das so schwerfällt. Und ich bin gar nicht zu blöd, nicht hauptsächlich zu blöd dafür, sondern es hat eben auch andere Gründe. Das fand ich sehr beruhigend so ein bisschen.
Vanessa Kunz (1:01:39)
Ja.
Ja, versteh ich voll. Also ich hatte wirklich so oft auch das Gefühl beim Lesen … Sie hat Dinge formuliert, die ich noch nicht formulieren konnte, aber irgendwie schon so diffus gefühlt habe. Und das noch nicht so richtig greifen konnte. Und das hat wirklich so … sehr oft auch das Gefühl gehabt, … krass, jetzt auch noch. Am Ende des Buchs war’s wirklich so, also zum Ende hin …
Sophie (1:02:09)
Ja.
Vanessa Kunz (1:02:12)
waren da die Überschriften von den nächsten Kapiteln. Und ich hab jedes Mal gedacht, nicht das auch noch. Das kann ich jetzt nicht auch noch lesen. kann da nicht auch noch Erkenntnisse haben, dass das nicht individuell für mich ist. dann eine globalere Empfindung irgendwie. Also, das ist krass.
Sophie (1:02:27)
Aber war das denn, wenn du jetzt sagst,
dass das nicht individuell für mich ist, das klingt ja irgendwie dann fast so bisschen so, als hättest du das… Ich versuche das richtige Wort dafür zu finden, oder den richtigen Begriff. Dass du fast das Gefühl hattest, wäre was von dir weggenommen worden, weil es eben nicht nur was ist, was du erlebst, sondern ganz viele andere auch.
Vanessa Kunz (1:02:55)
Nee, also ich sehe schon, dass das trotzdem individuell zu meiner Geschichte gehört, aber es ist trotzdem was, ähm…
Sophie (1:03:00)
Ja, okay.
Vanessa Kunz (1:03:03)
Was jetzt nicht auf einfach nur Versagen von mir hindeutet, weißt du? So ein bisschen wie du mit der Interpretation gedacht hast.
Sophie (1:03:08)
Das auf jeden Fall, aber dann wäre es eher was erleichterndes.
Vanessa Kunz (1:03:14)
Voll. Voll. Aber die Erkenntnis,
die war krass. Weißt du, also, dass in so vielen Bereichen das gar nicht an mir lag, sondern es Erklärungen gibt und es mehr Menschen so gibt, dass ich dachte, alter …
Sophie (1:03:20)
Ja.
Ja, okay.
Ich hab das aber auch schon öfter online gelesen von Leuten, die dann gesagt haben, wow, wenn das und das und das und das alles mit meinem Autismus und ADHS dies das zusammenhängt und diese Erfahrung irgendwie alle darauf zurückzuführen, so ganz viele Leute irgendwie die hatten, was bin denn dann ich? Also was ist dann individuell hat mit mir zu tun und nur mit mir und nicht mit…
Vanessa Kunz (1:03:49)
spannendes Thema, ja?
Ja.
Sophie (1:03:57)
tausend anderen Leuten. das kann ja auch so eine krasse Identitätskrise vielleicht erstmal auslösen. Also insbesondere wenn man so viele Eigenarten, wo man einfach gedacht hat, das ist halt charakteristisch ich und ich würde auch trotzdem immer noch sagen, das ist immer noch Teil der Persönlichkeit eines Menschen, die verschwindet ja dann nicht nur mit einer Diagnose. Aber wenn man sagt, okay, das bin aber nicht nur ich, sondern das hat damit
Vanessa Kunz (1:04:13)
Ja.
Sophie (1:04:27)
und das erleben ganz viele andere Leute auch, dann ist es ja gar nichts mehr irgendwie, mich ausmacht als Person, weil so viele andere das auch erleben. Deswegen habe ich gefragt, das hätte ja auch ein Gefühl sein können, so ein bisschen was von, ich weiß gar nicht mehr, wie ich mich jetzt eigentlich als Person wahrnehmen soll.
Vanessa Kunz (1:04:33)
Ja.
Also ich glaube, da war ich schon gesettelt genug vor dem Buch. Aber ich habe übrigens auch eine Podcast-Folge zu genau der Fragestellung. Also Persönlichkeit versus Diagnose. Wo fängt irgendwie die Persönlichkeit an? Wo fängt die Diagnose an? Und ich finde, dass mit dieser Doppeldiagnose, die ja sowieso schon komplett diffus ist, Autismus, ADHS, war bis vor kurzer Zeit noch undenkbar und hat sich gegenseitig ausgeschlossen.
Sophie (1:05:14)
Undundiagnostizierbar, genau.
Vanessa Kunz (1:05:16)
Und jetzt geht es plötzlich
und wir haben Riesenspaß damit. An seltenen Tagen. Aber… Es ist eine Superpower. Naja, ich finde es mit der doppelten Diagnose nochmal ein Stück weit schwieriger, glaube ich. Weil es so viele Komponenten gibt, die aufeinander einwirken. Und dann natürlich noch persönliche Vorlieben und Erziehung, Umwelteinflüsse.
Sophie (1:05:20)
Ich kann sagen, so kann man das auch ausdrücken, aber… Ja.
Vanessa Kunz (1:05:43)
Und das ist so eine philosophische Frage irgendwie, wenn wir jetzt von Persönlichkeit sprechen, wo ist diese Persönlichkeit? Ich glaube, das kann man niemals komplett beantworten, auch ohne Diagnosen nicht. Also …
Vanessa Kunz (1:05:56)
schwierig das so festzumachen.
Vanessa Kunz (1:05:58)
Sophie und ich hatten jetzt leider in der Aufnahme technische Probleme. Deshalb endet die Folge mit diesem philosophischen Cliffhanger fast schon. Ich kann gerne nochmal dazu einladen, es gibt eine Folge zum Thema Diagnosen, Persönlichkeit, Identität, die vielleicht die ein oder andere neugierige Frage schon löst.
Das Buch „nicht falsch, nur Neurodivergent“, ist von Charlotte Suhr geschrieben. Und du findest das in eigentlich jedem Buchhandel. Du kannst es dort bestellen lassen. Wenn du es online bestellen möchtest, kannst du das zum Beispiel bei Book on Demand bestellen. Es ist natürlich verlinkt.
Ich habe absichtlich diese Seite verlinkt, weil Charlotte auf ihrem Instagram mal erklärt hat, dass sie dort am meisten am Ende von dem Geld bekommt. Das heißt, es ist nicht noch zwischen Händler oder Zwischen geschaltet. Wenn du sie also in dem Fall unterstützen möchtest und das Buch online kaufen willst, dann wäre das vielleicht eine gute Adresse. Das Buch kostet 22 Euro auf allen Plattformen und ist für Betroffene geschrieben, aber meiner Meinung nach auch wirklich gut für Angehörige.
Das kann wirklich jeder mal lesen, der an dem Thema Interesse hat, weil es ja auch eine Biografie ist.
Die Links von Charlotte Suhr findest du natürlich auch in der Beschreibung.
Genauso wie Links von Sophie und natürlich auch von Von daher, schau da gerne vorbei.