Neues Ausprobieren ist nicht so leicht, wenn man sich eigentlich nach Routinen, Strukturen und kontrollierbaren Reizen sehnt. Für mich ist das ein Sinnbild für Autismus und ADHS als Kombination. Und obwohl ich (vor allem im Alltag) feste Abläufe brauche, obwohl mich Ungewissheit nervös macht, obwohl ich immer alles erstmal durchdenken muss, sehne ich mich nach Abenteuern. Nach neuen Dingen. Neues ausprobieren. Neue Dinge erleben. Herausforderungen. Über mich hinaus wachsen.
Obwohl diese Dinge eigentlich gegensätzlich sind, können sie gleichzeitig in mir existieren. Der Wunsch nach Regelmäßigkeit und der Wunsch nach Abenteuern. Selbstfürsorge durch Routinen und neues Ausprobieren. Es kann beides in mir existieren, aber ohne Regelmäßigkeit kann ich keine Abenteuer erleben und ohne die Routinen bleibt keine Kapazität mehr, um Neues auszuprobieren. Für mich ist das logisch: Je geregelter mein Alltag ist, je mehr Sicherheit ich in mir spüre (weil Abläufe klar sind, ich wenig Entscheidungen treffen muss oder weil es keine ungeplanten Änderungen gibt) desto mehr Ressourcen habe ich, um Abenteuer zu erleben, um neue Wege auszuprobieren und Dinge zu machen, die ich mir sonst eigentlich nicht zutrauen würde.
Es braucht eine gute Basis, ein stabiles Fundament, um darauf zu experimentieren. Und manchmal geht das experimentieren auch schief, da bin ich ehrlich. Manchmal verlaufe ich mich im Wald, weil ich einen neuen Weg gehe (bisher habe ich aber zum Glück immer wieder herausgefunden). Manchmal bin ich nach einem Experiment sehr erschöpft und brauche viel Ruhe, um wieder zu regenerieren.
Aber manchmal passiert auch etwas ganz Wunderbares: Ich lebe ganz in dem Moment. Ich erlebe neue Dinge. Und wachse über mich hinaus. Ich singe voller Freude, mir wird innerlich warm und ich freue mich einfach über den Moment. Manchmal kann ich gar nicht glauben, dass ich grade das tue, vor dem ich eigentlich Angst hatte.
Und oft denke ich dann im Nachhinein nochmal an diese Momente zurück und kann es immer noch nicht fassen. DAS habe ich gemacht? In diesem Moment war ich SO mutig? Krass.
Aber das geht nur mit dem stabilen Fundament als Basis.
Leider passiert es mir aber auch, dass das Fundament bröckelt. Manche Routinen funktionieren doch nicht so gut, wie ich dachte, oder nicht so lange, wie ich gehofft habe. Manchmal passt es einfach nicht und der Alltag bestimmt mich. Dann bin ich nicht im aktuellen Moment, sondern in der Zukunft und in Was-Wäre-Wenn-Szenarien (meistens Worst-Case-Szenarien oder zumindest eine negative Version der Zukunft). Oder mein Körper zeigt mir sehr deutlich, dass ich es übertrieben habe und über mehrere Tage wirklich Ruhe brauche.
Genau dann bräuchte ich eigentlich diese Experimente, um wieder mehr zu (er)leben. Um wieder mehr ich zu sein, voller Neugierde und Begeisterung. Aber mir fehlen dann Ressourcen, Energie oder der Perspektivwechsel um es zu erkennen. Ich bin froh, dass ich genau dafür Menschen in meinem Leben haben, die mich unterstützen. Durch Coachings, Therapie (auch durch die ADHS-Medikamente), Erfahrungsaustausch, Workshops, Seminare oder Retreats. All diese Dinge (und viel Weiteres) habe ich irgendwann ausprobiert und es hat mir geholfen. Deshalb haben sie immer noch Platz in meinem Leben.
Aber ich musste sie einmal ausprobieren. Und genau das ist manchmal eine riesige Hürde, die sich trotzdem lohnen kann. Und mir hilft dabei der Gedanke, dass ich nicht scheitern kann. Ich mache Experimente und gewinne Erkenntnisse. Manchmal ist die Erkenntnis einfach, dass ich das Experiment nicht so schnell wiederholen möchte oder ich erkenne, dass meine Bedürfnisse anders sind, oder, oder, oder…
Ich sage (und denke) oft, dass mir eine Bedienungsanleitung fehlt. Für meinen Körper, für soziale Interaktionen, für mein Leben. Aber dieser Gedanke kommt nur zu Stande, wenn ich schon überfordert bin, mein Nervensystem schon überreizt ist und es eigentlich schon zu spät ist, um noch Pause zu machen, bevor ich komplett ausbrenne. Deshalb ist es so wichtig, eine starke Basis zu schaffen, die (durch mehr und mehr bewusstes experimentieren) dazu führt, dass es nicht mehr so oft so weit kommt.
Wann hast du das letzte Mal etwas ausprobiert?
Und welches Experiment wolltest du schon längst mal machen?